AcU-Newsletter 02/2019 (Juni 2019)

Im Interview

Stärkung der Kernkompetenzen in der Pflege

Interview mit Christian Kuhl, Geschäftsführer Barmherzige Brüder gemeinnützige Träger GmbH, München; Vorstandsmitglied der AcU

Herr Kuhl, Anfang Juni trafen sich zahlreiche AcU-Mitglieder zum Erfahrungsaustausch "Leuchttürme in der Pflege". Es ging um das Thema "Innovative Entwicklungen in der Pflege".
Was hat Sie besonders beeindruckt?
Wesentlich war aus meiner Sicht zweierlei: zum einen die Offenheit und aktive Bereitschaft aller Beteiligten, ihre jeweiligen innovativen Konzepte einem breiten Publikum vorzustellen. Denn auch wenn die Träger in der AcU mit dem Ziel der tariflichen Weiterentwicklung der AVR engagiert sind, so ist es ja keine Selbstverständlichkeit, dass die Mitarbeitenden untereinander ihre Konzepte darlegen, Erfolge und auch Unzulänglichkeiten beschreiben und damit ein gegenseitiges Lernen zulassen.

Zum anderen fand ich es beeindruckend, wie innovativ viele Mitglieder der AcU in ihren Häusern sind und wie eng und konstruktiv die Zusammenarbeit auch mit der MAV sein kann. Denn einen Leuchtturmcharakter haben viele Initiativen ja nicht deshalb, weil wir uns dies selber zuschreiben, sondern weil der praktische Erfolg und die Rückmeldungen von Dritten die Projekte dazu machen. Und dies geschieht meiner Erfahrung nach im Krankenhaus häufig dann, wenn Änderungen breit abgestimmt sind - unter anderem mit der MAV - und dann auch nachhaltig, sprich langfristig, durchgesetzt werden können. 

Das Thema "Pflege" hat eine hohe Priorität bei den Trägern. Können Sie uns ein Best-Practice-Modell der Barmherzigen Brüder in Regensburg kurz skizzieren?
Wie bei vielen anderen konfessionellen Krankenhausträgern auch, so liegt bei den Barmherzigen Brüdern der Ursprung ihrer Tätigkeit in der Hilfe und Pflege für Kranke und Arme, für Menschen mit Behinderung und in der Unterstützung für Kinder. Dieser Impuls entstand vor über 400 Jahren. Heute betreiben die Barmherzigen Brüder in Bayern Krankenhäuser, MVZ, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sowie Altenheime und beschäftigen etwa 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 

In dieser Tradition beschäftigt sich ein Best-Practice-Modell in unseren Krankenhäusern mit der Weiterentwicklung der Pflege dahingehend, dass die individuelle Verantwortung der Mitarbeitenden für das Patientenwohl und für die Gestaltung des jeweiligen Behandlungsprozesses deutlicher wird. "Station+" heißt das Modell, wird seit einiger Zeit in allen unseren Krankenhäusern und Stationen umgesetzt und hat zum Ziel, dass in jeder Station verantwortliche Pflegefachkräfte individuell für einzelne Patienten zuständig sind. Dies beinhaltet die unmittelbare Verantwortung für die Organisation des Behandlungsprozesses, die Abstimmung mit den behandelnden Ärzten und Therapeuten, die Funktionsbereiche, ggf. die Abstimmung mit den Angehörigen usw. Als wesentlich erweist es sich, einerseits die Bereitschaft zur individuellen Verantwortungsübernahme unserer Pflegefachkräfte zu fördern und zu fordern, anderseits ist es zwingend, insbesondere die Ärztinnen und Ärzte mit in die Reorganisation des Stationsablaufs einzubeziehen und darin zu schulen, wie der Behandlungsprozess auf dieser Station oder in jener Abteilung aussieht und welche Schnittstellen dabei unbedingt verlässlich sein müssen. 

Entscheidend ist aber möglicherweise die Methodik, die wir in unserem Fall für diese Art der Reorganisation der Prozesse anwenden. Zum einen überlassen wir es den Abteilungen und Stationen, wie sie ein für alle Stationen vorgegebenes Rahmenmodell umsetzen. Auf diese Weise ergibt sich ein hohes Maß an Mitgestaltung durch alle Berufsgruppen und eine sehr viel höhere Akzeptanz der Veränderung. Beispiele sind die zwischen Pflege und Ärzten abgestimmten Dienstplangestaltungen, interdisziplinäre Fallbesprechungen oder die inhaltliche und zeitliche Gestaltung der Visiten. Zum anderen stellen wir für alle Mitarbeitenden auf den Stationen und Abteilungen in hohem Maße Schulungsbudgets zum Beispiel für Projekt- und Prozessorganisation oder Change Management zur Verfügung. 

Wir haben auf diese Weise einen aufwendigen und zeitlich langfristigen Projektverlauf, sind aber überzeugt davon, dass nur auf diese Art und Weise die Akzeptanz für grundlegende Veränderungen gegeben ist. Denn wir sprechen hier nicht nur von einem gemeinsamen Verständnis des Behandlungsprozesses, sondern von einer anderen Kultur der Patientenversorgung, sowohl zwischen den Berufsgruppen als auch im Verhältnis zum Patienten. 

Wie geht es jetzt weiter mit dem Thema Pflege? Wie schätzen Sie die Situation mittel- bis langfristig ein?
Wir haben eine älter werdende Gesellschaft und eine stark abnehmende Anzahl an Erwerbstätigen. Dies bedeutet, dass die bereits jetzt spürbaren Engpässe bei der Nachbesetzung von offenen Stellen auch im Bereich der Pflege noch einmal deutlicher werden und die Konkurrenz der Krankenhäuser auf dem Arbeitsmarkt weiter zunehmen wird. Die finanziellen Anreize in den Tarifwerken zum Beispiel für die Pflegeberufe werden sich daher sicherlich in den nächsten Jahren noch einmal wesentlich erweitern und aus Sicht der Dienstgeber sehr viel mehr Finanzmittel erfordern. Dies als Krankenhaus sicherstellen zu können, ist aber nur die "Pflicht". Die "Kür" besteht darin, eine Vertrauenskultur zwischen den Berufsgruppen im Krankenhaus zu ermöglichen und eine Kommunikation auf Augenhöhe sicherzustellen. Dies erfordert aus meiner Sicht eine Klarheit bei der Auswahl und der Aus- und Weiterbildung der Führungskräfte, Vertrauen in deren Führungsfähigkeit und bei organisatorischen und strukturellen Veränderungen entsprechend eine Orientierung am Subsidiaritätsprinzip. 

Wie lautet ihr Fazit?
Den Krankenhausträgern, denen es gelingt, die Krankenhausorganisation eindeutig und konsequent an der Patientenorientierung auszurichten, werden auch in Zukunft überzeugend sein und erfolgreich Mitarbeitende gewinnen können. Das betrifft sowohl den stationären wie auch den prä- und poststationären Bereich, physische wie auch psychische und emotionale Ebenen der Patientenversorgung. Mitarbeiterorientierung und Sinnstiftung erfordern somit in erster Linie eine konsequente Patientenorientierung. 

Wir danken Herrn Christian Kuhl für dieses Interview!  

 

Der AcU-Erfahrungsaustausch "Leuchttürme in der Pflege: Voneinander lernen - Best-Practice-Modelle aus Einrichtungen der AcU-Mitglieder" fand am 05.06.2019 in Köln statt.

Leuchttürme in der Pflege / Bildergalerie 

In eigener Sache

AcU-Jahresbericht 2018 erschienen

Ende Mai 2019 ist der aktuelle AcU-Jahresbericht mit dem Titel "Gut vertreten, stark vernetzt und zeitnah informiert" erschienen. Neben dem ausführlichen Tätigkeitsbericht für das Jahr 2018 enthält der Bericht wieder viele aktuelle und interessante Artikel und Interviews. Zum diesjährigen Schwerpunktthema "Entwicklungen in der Pflege" enthält der Jahresbericht die Artikel:

         "Für die Zukunft gerüstet? Handlungsfelder caritativer Unternehmen in der Pflege"
          von Prof. Dr. Michael Isfort

         "Neue Wege in der Pflege gehen"  - Interview mit Alex Hoppe

Der AcU-Jahresbericht 2018 kann - in der Printversion - bei der AcU-Geschäftsstelle unter info@a-cu.de angefordert werden.

Den Artikel "Sind katholische Krankenhäuser in einer säkularen Welt vonnöten?" von Erzbischof Stephan Burger können Sie bereits jetzt auf unserer Homepage nachlesen.

Tagungen und Schulungen

AcU-Veranstaltungen 2019

Das weitere AcU-Veranstaltungsprogramm für das laufende Jahr 2019 ist unter folgendem Link nachzulesen: AcU-Veranstaltungen 2019

Herausgeber:

Arbeitsgemeinschaft caritativer Unternehmen (AcU)
Wittelsbacherring 11
53115 Bonn

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Fax +49 228 926 166 11

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